Mittwoch, 11. Juli 2012

WTR 2012 - Nachlese

Hier spricht der CHAMPION:

Freitag, 7:01, km 0: Offizieller Startschuss vom Chef Bernd, 1 Minute Verspätung deshalb, weil er freundlicherweise auf mich gewartet hat, nachdem ich mich noch im Kukuruzfeld erleichtern musste.


7:36, km 11: Endlich darf ich den schweren Rucksack abwerfen. Ich bin an einer Stelle angelangt, wo der Trail nach ca. 300km wieder vorbeikommt. Hier möchte ich bei Einbruch der Dunkelheit Gewand wechseln, Licht und Proviant aufnehmen. Fortan fahre ich mit leichtestem Gepäck....

8:52, km 44: Erster Verkofferer beim Sportplatz in Matzen, unkonzentriert einfach gerade weitergefahren. Nix Schlimmes, aber jetzt stören einzelne Minuten noch.

10:07, km 75: Erster geplanter Stopp bei einer Tankstelle in Dobermannsdorf. Es ist schon ziemlich heiß geworden, der Südwind hebt auf diesem Teilstück aber den Schnitt.

11:00, km100: Ich biege in den Radweg von Valtice nach Lednice ein, die vielen Radtouristen auf dem sandigen Pfad verleihen diesem Abschnitt eine Charakteristik zwischen Computerspiel und Kippstangenslalom.

12:07, km 127: Wieder zurück nach Österreich, Stopp bei einer Tankstelle am ehem. Grenzübergang Mikulov/Drasenhofen. Der Rest des gekauften Wassers wird zur Ganzkörperdusche verwendet.

13:55, km 160: Mistelbach: Jetzt ist seit mehr als 20km der Weinviertler Weitwanderweg mein Zuhause, immerhin hab ich auf dieser Passage den Schnitt mit 20km/h noch hoch gehalten. Erste Krämpfe gab es bei den Anstiegen schon, bei Temperaturen weit über 30° hat man nicht mehr alles 100%ig unter Kontrolle. Beim Billa kauf ich ordentlich ein, ist doch ein zweiter Stopp am gleichen Ort in der Nacht vorgesehen. Jetzt muss ich irgendwie über die nächsten Stunden kommen, die tropische Hitze und tw. selektives Terrain versprechen.

14:30, km 167: Mistelbacher Wald: Ein kleiner Knall, Gummimilch spritzt auf meine Waden. Kapitaler Patschen, keine Chance für die Wunderflüssigkeit, ihn abzudichten. Ich muss einen Schlauch einziehen, die wahren Dimensionen des Cuts im Mantel erkenne ich NOCH nicht. 500 Meter später hat auch der Schlauch ein Loch, etwas Sinnvolles zum Dazwischenlegen hab ich nicht, also hat es auch keinen Sinn, den zweiten Schlauch zu opfern. Ich rufe Andrea an und bestelle sie zum nächstmöglichen Treffpunkt, die 5km bis dorthin lege ich auf der Felge zurück.

15:15, km 172: Bei Garmanns wechsle ich das hintere Laufrad. Bis dessen Scheibenbremse endlich nicht mehr schleift bedarf es noch einiger Nachjustierungsstopps.

15:50, km 182: Der Anstieg zum Oberleiser Berg ist das zäheste Teilstück des gesamten Trails, die Hitze ist enorm und die Moral aufgrund des Zeitverlusts durch die Panne im Keller. Ich liege brutto nur mehr knapp über dem 20er - Schnitt. (In Mistelbach hatte ich 70 Minuten Vorsprung gehabt)

17:15, km 215: Nächster geplanter Stopp beim Lidl in Hollabrunn. Neuer persönlicher Futterrekord: 4 Muffins & 1 Cola gibt 1400 Kalorien in 6 Minuten. Auf den letzten, einfachen Kilometern hab ich wieder Zeit gutgemacht, allerdings sind Gewitterwolken aufgezogen. Bei Regen würde ich natürlich weiterfahren, nur Blitze wären ein Problem. Allzu lange Stopps wären jetzt nicht mehr drin, wenn ich Waschberg und Michelberg bei Tageslicht schaffen will.

19:00, km 245: Kirchberg am Wagram: Wie durch ein Wunder hat sich das Gewitter, das mich seit Hollabrunn verfolgt hatte, verflüchtigt: Nasse Straße und heftiger Wind waren zu verschmerzen. Die Fahrt entlang des Wagram war dann richtig entspannt. Leider taucht bald die nächste Wolkenfront auf, und zwar genau dort, wo ich hin will.

20:00, km 270: Sierndorf: Dass sich auch dieses Gewitter verzogen hat, gleich wundersam wie das erste, nehme ich als Omen: jetzt muss ich's durchziehen. Die Bergetappe über Wasch-, Michel- und Steinberg ist zwar feucht, aber gut passierbar. Den Nachtcheckpoint erreiche ich mit dem mitgeführten Notlicht gegen 22:00 Uhr.

22:00, km 300: Frische Klamotten, das Licht ist ein Traum, die Nacht wunderschön. Anruf von Bernd - sie sind in ein Hagelgewitter gekommen, ich solle in der Nacht den Wanderweg von Mistelbach nach Poysdorf auslassen und auf der Straße fahren. Noch denke ich mir nicht viel dabei, bald gerate ich aber an Passagen, die der Weinviertler Lehm nach den Regenfällen sehr langsam werden lässt.

23:00, km 320: Zwischen Hautzendorf und Bogenneusiedl verliere ich (das einzige Mal) im Dunkeln die Orientierung. Alte Weisheit: Wenn man oben am Berg geringfügig falsch abbiegt, ist man im Tal weit von Ziel entfernt. Da ich mir mit Zurückfahren keine Chance gebe, fahre ich auf der Straße nach Bogenneusiedl.

23:30, km 330: Bahnhof Neubau - Kreuzstetten: Problem: Ich war zuletzt vor 2 Jahren hier und kenne hier nur einen Weg. Der scheint aber wie vom Erdboden verschluckt, der markierte Radweg ist mir unbekannt und scheint in die falsche Richtung zu gehen. Anruf bei Bernd: Mailbox. Anruf bei Andrea: Keine Ahnung. In meiner Verzweiflung krame ich all meine Erinnerungen zusammen und fahre über einen abgesperrten Privatgrund dorthin, wo ich glaube, dass ich hingehöre. Und es hat gestimmt - nur mittlerweile darf man da eigentlich nimmer fahren. Ich nehme also 2 Schranken und bin mit 20 Minuten Verspätung wieder auf dem Trail.

Samstag 0:45, km 347: Mistelbach/Billa: Die gefürchtete Nachtpassage des Mistelbacher Waldes ist gelungen, allerdings ist mir schlecht und abwechselnd kalt und heiß. Essen geht nur mehr mit Gewalt, aber ohne werde ich bald stranden...

2:30, km 370: Die (an sich leichte) Passage von Falkenstein nach Guttenbrunn wird zum Horrortrip. Hier sind wahre Schlammmuren abgegangen und nur wenige Meter in dem Zeug reichen, um das Bike zu stoppen, weil sich die Räder nicht mehr drehen. Danach kann man zuerst kiloweise Lehm abschöpfen und anschließend entweder tragen oder das nasse, aber sehr hohe Gras versuchen. Zur nächsten Ortschaft (Pottenhofen) geht's genauso weiter. „Gibt's da wo an Löschteich, so kann i net weiterfahren??“. Gibt es leider nicht, und so muss ich mein Trinkwasser opfern, um Schaltung und Kette wieder einigermaßen frei zu kriegen. Ach ja, draufgepinkelt hab ich auch noch, Bio- Kärcher sozusagen.

3:00, km 380: Wildendürnbach: Wie zum Hohn ist es hier staubtrocken und bleibt es auch für den Rest der Tour.

3:30, km 390: Friedhof Laa/Th.: Wasser für Mann und Rad, die Zeit ist schön langsam egal, es dämmert.

6:00, km 412: Alberndorf: Die Energiebilanz ist kaum mehr auszugleichen, mittlerweile sind 23 Stunden absolviert Die nachfolgenden Anstieg fahre ich zwar grade noch, das Tempo ist aber sehr langsam geworden.

8:15, km 450: Buschberg: Das Ziel ist in greifbare Nähe gerückt, 2 Gels und einen Isodrink hab ich noch. Schnell schaut anders aus, aber es ist auch nimmer so zäh wie vorhin.

10:25, km 470: Großrußbach: Bernds Zielschleife zieht sich noch ordentlich, nach 26 Stunden und 24 Minuten bin ich endlich am Sportplatz. Gefühle hab ich jetzt eigentlich keine mehr.

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